Schuldig!

Posted by mac on June 5, 2011

Letzte Woche habe ich den Film: Die Reise der Verdammten im Fernsehen angeschaut. Ein Film über die Judenverfolgung im 3. Reich. Wer den Film nicht kennt, hier ein Auszug aus der Filmdatenbank:

Am 13. Mai 1939 sticht der Luxusdampfer "St. Louis" von Hamburg aus in See. An Bord sind 937 jüdische Flüchtlinge. Ihr Ziel ist Havanna. Sowohl Kuba als auch die USA weisen die Asylsuchenden ab. Eine nervenaufreibende Odyssee beginnt. - Dramatische Verfilmung der historischen Schiffsreise mit Staraufgebot.

Auf die Handlung will ich gar nicht eingehen - schön gemacht der Film. Aber bei mir stellt sich dann immer wieder ein Gefühl ein:

Schuldig!

Denn von den über 900 Juden überleben gerade einmal 300 den Holocaust letztendlich. Die Reise mit dem Schiff führt vor die Küste Floridas. Es kommt ein Kreuzer der US Marine und lässt mitteilen, dass das Schiff amerikanisches Hochheitsgewässer passiert und doch bitte beidrehen soll. Die Reise geht dann zurück nach Deutschland, aber kurz vorher erklären sich doch ein paar Länder bereit, die Juden aufzunehmen. Leider entscheidet man sich für Holland und nicht für England als Ziel. Dann hätten wohl mehr überlebt.

Aber warum fühl ich mich da schuldig? Bin ich als Deutscher diesem ganzen etwas schuldig? Ich frage mich da immer, wie hätte ich reagiert. Hätte ich Juden geholfen, oder hätte ich mich in meiner Wohnung verkrochen und mir gesagt, ich tu keinem was, also tu mir auch keiner was?

Was bin ich froh, dass mein letztes Leben (nicht vergessen, ich bin immer noch ein Hypnosemachender Heilpraktiker der mit Rückführungen in frühere Leben und sogar dem Leben zwischen den Leben arbeitet ;-) nicht schuldig wurde. Dies wurde nämlich im Alter von 6-7 Jahren recht zügig beendet durch einen Volltreffer einer wohl etwas grösseren Bombe. Auf jeden Fall war ich von einem zum anderen Augenblick weg vom Fenster im wahrsten Sinne des Wortes.

Aber dennoch - welcher Deutsche schaut sich solch Filmmaterial nicht an und fühlt sich nicht schuldig? Oder welcher Amerikaner schaut sich dies an und schüttelt entsetzt den Kopf, warum diese Juden auf dem Boot nicht in Kuba oder Amerika landen durften. Ok, man wusste damals noch nicht, was letztendlich passieren wird (der Weltkrieg war ja noch nicht ausgebrochen) - aber dennoch, Flüchtlinge sind Flüchtlinge, oder? Und sollte es da nicht so sein, wie in einer guten Beziehung. Es zählt nicht, was der eine Partner glaubt was ist, wenn doch der andere sich als Flüchtling versteht, dann sollte es Grund genug sein, dies anzuerkennen.

Und schon sind wir bei einem anderen Wort. Flüchtling. Wer ist Flüchtling? Wer bestimmt das? Was hat das mit schuldig sein zu tun? Mir kommen dann immer so Gedanken - und gerade bei diesem Film noch viel eher - das ich <strong>jetzt</strong> schuldig werde. Ich muss mich gar nicht fragen, was hätte ich damals gemacht. Ich sollte mich vielmehr fragen: Was mache ich <strong>jetzt</strong>?

Bald geht es wieder los. Die Flüchtlingsschiffe - oder kann man dies noch getrost Schiffe nennen? - versuchen verzweifelt das rettende Ufer zu erreichen. Ich meine hiermit die vielen, vielen Menschen, welche versuche ihr Land zu verlassen und nach Europa zu kommen. Was ist mit diesen Flüchtlingen? Wer kümmert sich um diese? Wer nimmt diese auf? Wo ist mein Zimmer in meinem Haus, in dem ich einen Flüchtling aus Somalia verstecke, damit ihn die deutsche Regierung im Namen Europas nicht wieder abschiebt? Wo ist hier meine Aktion?

Oder verstecke ich mich in meiner Wohnung und denke mir, ich tue nichts so tut mir keiner was?

Schuldig!

Ich gebe es hiermit zu - ich bin schuldig. Ich schaue tatenlos zu. Schüttel den Kopf, wenn ich wieder mal von einem Flüchtlingsschicksal in der Zeitung lese. Wenn irgendwelche Institutionen bestimmen, dass der Flüchtling gar kein Flüchtling sei, sondern nur ein Ausreisser, der versucht sich in unserem gemachten Nest wohl zu fühlen. Weg mit ihm. Fort. Unser Nest ist unser Nest. Dafür haben wir gekämpft.

Schuldig!

Und dann diese nette Statistik - 80% der Ressourcen unserer Welt werden derzeit von den Industriestaaten verbraucht und ausgeschlachtet. Das Nest wird gemacht. 80% der Ressourcen! Wenn alle anderen Menschen (ja, Menschen!) auf dieser Welt so angenehm Leben sollten wie wir es im Westen tun, dann bräuchten wir bereits jetzt 4 Erden. Denn wir verbauchen einfach zu viel. Zu viele Menschen.

Schuldig!

Mein Nest ist schön warm, Das verteidige ich. Mein Land. Meine Kultur. Meine Sprachen. Mein - mir - mich.

Ich bin schuldig. Und auch schuldig, dass dies alles ein Lippenbekenntnis ist. es ist einfach zu sagen, ich bin schuldig und nichts zu ändern. Es geht ja nicht darum eine Schuld einzugestehen. Sondern darum, dass diese mein Handeln verändert. Damit mein Dasein einen Sinn erhält.

In diesem Sinne, einen schönen Tag noch. Die Sonne scheint.

Mit Liebe

Marcus


Comments:

Posted by kay on
Ich fühl' mich absolut und überhaupt nicht schuldig dafür! Es ist ein völlig falsches Konzept, irgendjemanden für die Vergangenheit anderer Menschen in irgendeiner Weise zu verantworten.
Demnach ist es auch falsch, post-WWII-Generations-Deutsche zur Verantwortung oder Rechenschaft zu ziehen, für das, was den Juden angetan wurde. Völlig ungerecht!

Das Konzept aus der Vergangenheit zu lernen ist wesentlich umfassender, als zu versuchen, x-Generationen von Deutschen (zum Beispiel) irgendwelche Schuldkomplexe zu induzieren.

Keiner hat ein Anrecht darauf, jemanden Schaden physischer, psychischer, direkter oder indirekter Art zuzufügen. Deutscher, Afrikaner, Latino - Christ, Jude...keiner.

Und doch tun wir es alle - zu jeder Zeit, gerade auf indirekter und anonymer Art. Wir leben in einem geschlossenen System. Was wir an Guthaben und Reichtum anhäufen, wird jemandem jetzt oder in der Zukunft fehlen. Damit töten und rauben wir alle - meisst angenehm anonym (noch).
Dort ist es, wo wir jetzt und hier Schuldig sind. Dort muss ein Ansatzpunkt, aus der Geschichte lernend, gefunden werden.
Aber doch nicht die Schuldkarte für den Judenmassenmord dem Gewissen der jetzigen Deutschen (oder Amerikanern oder sonst jemanden) anzuhängen.

Von dem, was ich am Inhalt des Filmes sehe, ist da jedoch der interessante Aspekt des kommunalen Antisemitismus', der keine Deutsche Erfindung war, sondern eine europäische Realität, die lange vor dem 2. Weltkrieg begann und sich auf die Kultur der Vereinigten Staaten übertragen hat (und dort bis hinein in die 2. Hälfte des WWII ein gängiges Meinungsbild war).

Es ist natürlich völlig bescheuert, jemandem nach seiner Religion zu kategorisieren oder eine Religion gewalttätig zu forzieren. Dies jedoch, die Religion im innersten Wertesystem des Individiums verankert, scheint bis zum heutigen Tag das gängigste Macht- und Manipulationsinstrument zu sein.

In dem Sinne, god bless us and have a nice Weekend... :)
Posted by Marcus on
Ja, wir sollten uns nicht schuldig fühlen. Eine gute Freundin von mir (Südafrikanerin, in Canada wohnend) erzählte mir letztlich folgendes: Sie hatte eine Diskussion mit einer Professorin, die eine Ur-Kanaderin ist. Diese beschwerte sich, wie schlecht ihre Vorfahren behandelt wurden. Meine Freundin meldete sich zu Wort und erlaubte sich folgendes zu sagen: "Ist es nicht an der Zeit, dass wir mit der Vergangenheit aufhören? Und uns der Gegenwart zuwenden? Und Schluss machen mit diesem: Das wurde meinen Vorfahren angetan?". Auf die Erwiderung, dass man nicht einfach vergessen kann, was da alles passiert sei und das sie sich vielleicht nicht vorstellen könnte, wie schlimm das gewesen sei, meine meine Freundin: "Oh doch, das kann ich. Meine Vorfahren wurde versklavt, gemordet und noch viel mehr!".

Irgendwie gab mir das doch sehr zu denken. Als meine Freundin mir dies erzählte, meine ich nur: "Mit deiner Einstellung könnte man Kriege beenden!". Diese Einstellung sollten wir uns alle zu Eigen machen. Vergeben wir den Anderen, was sie unseren Vorfahren angetan haben. Vergeben wir unseren eigenen Vorfahren, was sie anderen angetan haben. Und fangen wir an, uns der Gegenwart zuzuwenden.

PS: Meine Freundin ist mit 13 Jahren per Kopfgeld gesucht worden, da sie aus einer religiösen Mischverbindung stammte und musste zusammen mit ihrer Mutter quer durch Afrika wandern. Sie hat also am eigenen Leibe erfahren, was Menschen einander so antun können. Eine wahre Geschichte!
Posted by Greta on
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