Ich denke also bin ich.
Das ist die Ursache allen Übels. Da kommen die Menschen in meinen Vorträge über Rückführungen in frühere Leben und gehen enttäuscht wieder heim. Denn ich kann ihnen nicht sagen, dass es ein Leben nach dem Tode gibt. Eine Rückführung kann kein wissenschaftlicher Beweis sein. Meiner Meinung nach, muss es dies auch gar nicht. Es spielt gar keine Rolle, ob es mehrere Leben gibt, ob es Reinkarnation gibt. Eine Rückführung als therapeutisches Instrument funktioniert dennoch.
Nun denn - glaube ich denn, dass es so etwas wie frühere Leben gibt?
Ja, daran glaube ich. Aber ich kann es nicht beweisen.
Und ich glaube, dass der Beweis auch gar nicht notwendig ist. Denn was ist es denn, was wir gerne fortgeführt wissen wollen? Worum geht es uns, wenn wir uns ein Leben nach dem Tod wünschen?
Stellen wir uns dazu einmal ein paar Fragen...
Wie wäre es: ich komme in ein anderes Leben, einen anderen Körper. Wäre das OK so? Ja, schon.
Ich weiss aber gar nicht, dass ich schon einmal gelebt habe. Auch OK? Naja, aber Hinweise lassen sich ja finden, oder?
Was wäre, wenn alles was ich einmal gelernt hätte, verloren wäre? Auch OK? Hmmm, wieso mach ich den ganzen Unsinn dann hier mit? Ergibt das dann noch einen Sinn? Naja, aber wenn es nicht anders geht...
Was wäre, wenn nur mein gesamtes gelerntes Wissen irgendwo gespeichert würde, aber mein Ich mit meinem Tod dahinscheidet? Immer noch OK? Wie, mein Wissen bleibt bestehen, aber ICH bin nicht mehr da? So ein Quatsch. Da nimm ich lieber noch das Vorhergehende. ICH möchte natürlich dableiben. Sonst macht es für mich überhaupt keinen Sinn, oder?
So, oder so ähnlich mögen die Antworten ausfallen. So würde ich es zumindest beantworten. Nur, was ist denn dieses ICH, dass da unbedingt weiterbestehen möchte. Was ist mein Ich, ohne meine Erinnerungen. Egal, denke ich da. Hauptsache ich bin noch da, auch wenn ich mich an nichts erinnere. Aber woher weiss ich denn dann, dass ich es bin? Naja, dass weiss ich doch. Ich halt.
Also noch einmal - ich denke, also bin ich. Basta! Sagte doch schon dieser grosse Philosoph Descartes oder so.
Ich denke, also bin ich.
Letztlich war ich auf einen Vortrag über das Thema: Stressreduktion - ein neuer Ansatz. Der Vortragende, ein Phsychotherapeut, der mir als Atheist bekannt war, referierte. Er erzählte etwas von Achtsamkeit. Und von einer uralten Tradition, in der der Geist sich selber durch Achtsamkeitsübungen schult. Nun denn, wie schön. Achtsamkeitsmeditation mache ich selber. Mal hören, was da so kommt. Er outete sich auch dahingehend, dass es sich hier um eine buddhistische (er meinte sogar DIE) Meditation und Geistesschulung handle. Und erzählte, dass diese Achtsamkeit klinisch nachweisbare Reaktionen nach sich zöge. Insbesondere halt im Bereich Stressreduktion. Am Ende des Vortrages wurde diskutiert und irgendwie ging es auch um das Thema Seele. Da kam dann der Einwand, dass der Buddhismus den Begriff der Seele verneinte. Es gäbe kein Leben nach dem Tode für den Buddhisten. Zwar eine Wiedergeburt, aber halt nichts Persönliches. Also kein Mitnehmen eines kleines bisschen Ichs.
Was überhaupt nicht erwähnt wurde, warum im Buddhismus diese Form der Meditation und Geistesschulung angewendet wird. Nämlich nicht, um eine Stressreduktion herbeizuführen, oder um sonstige therapeutische Zwecke damit zu verfolgen. Dies ist nur der Nebeneffekt dieser Geistesschulung. Man wird einfach bewusster und kann daher auch mit sich selbst und seiner Umwelt besser umgehen. Für einen Westler, der zum ersten Mal mit dieser Art der Meditation in Berührung kommt, ein sehr schönes Erlebnis. So fühlte ich zumindest, als ich mich dieser Art der Meditation widmete. Und auch ich hatte den Gedanken, warum in aller Welt, wird diese Art der Geistesschulung nicht bei uns in der Schule gelernt?
Kennen Sie die Geschichte von Gott, der sich nach getaner Arbeit mit seinen Engel traf und überlegte, wo er denn das Geheimnis des Seins verstecken könnte? Ein Engel meinte, auf dem höchsten Gipfel des höchsten Berges. Da würden die Menschen nie hinkommen. Aber Gott sagte, dies ist viel zu einfach. Die Menschen können dort bestimmt eines Tages hinkommen. Da meinte ein anderer Engel, lasst es uns auf dem tiefsten Meeresgrund verstecken. Da können die Menschen nun wirklich niemals hinkommen. Gott bedachte dies und sagte, die Menschen haben die Fähigkeit Maschinen zu bauen. Damit kämen sie dann auch auf die tiefsten Tiefen des Meeeres herab. Da meinte ein dritte Engel, er habe die Lösung des Problems. Wir verstecken es einfach in den Menschen selber. Die Menschen sind viel zu beschäftigt, als dass sie innehalten würden und in sich selbst schauen würden.
Das ist also die Geistesschulung, die uns hier der Buddhismus geschenkt hat. Aber warum macht der Buddhismus dies denn nun? Nicht nur zur Geistesschulung. Sondern es soll zur Befreiung des Geistes führen. Heutzutage ein fast schon In-Wort: Er-Leuchtung. Zur Erleuchtung des Geistes soll es führen. Erleuchtung. Welch ein Wort. Aber dieses Wort alleine hat schon einen Fehler. Es ist ein Hauptwort. Aber alle Hauptwörter, die sich nicht anfassen lassen, sind meist versteckte Prozesse. Prozesse, die manchmal so langsam ablaufen, sich so langsam verändern, dass wir dies nicht erkennen. Da fehlt uns dann die Erkenntnis - auch wieder so ein Hauptwort. Erkenntnis bedeutet etwas erkennen. Und dies ist ebenso ein Prozess, der nicht einfach irgendwann abgeschlossen ist. Erkennen geht immer weiter. So wie das Leben. Und genauso ist es um die Erleuchtung beschert. Dies ist nicht ein Zustand, zu dem man gelangen kann. Oder etwa ein Erlebnis, dass man haben kann. Es ist ein Prozess. Der ständigem Wandel unterzogen ist. So wie alles, einem Wandel unterzogen ist. Demnach sollte man es auch vermeiden, es als: man ist erleuchtet zu bezeichnen. Auch dies ist Wort, ist schon wieder ein Festhalten. Es erleuchtet einen. Das trifft den Kern schon eher.
Wie führt aber nun eine Meditation zur Erleuchtung. Zum Erleuchten? Da kommen wir dann wieder zum Ich zurück. Und was uns die Meditation der Achtsamkeit über das Ich sagen kann. Man achtet zuerst auf körperliche Prozesse, um dann, weiter fortgeschritten, auch das Geistige zu beobachten. So wird man zum Beobachter seiner selbst. Erkennt, wie Gedanken kommen und wieder gehen. Buddha sagte dazu: es ist wie wenn man an einem Fluss sitzt und dem Wasser zuschaut. Es ist immer in Bewegung und so wie Dinge kommen, so ziehen sie auch wieder vorbei. Und so ist es mit Gedanken. Immerzu da. Und dennoch wieder ein ruhiger, steter Fluss. Von Gedanken die kommen und wieder vergehen. Bis ich anfange, zubegreifen:
Ich denke, also bin ich - ein Gedanke.
Da schliesst sich wieder der Kreis. Ich bin ein Gedanke. Mein ICH, mein Ego ist ein Gedanke. Und wie die Gedanken immer kommen und gehen, so kommt und geht unser Ego. Ohne das wir dies gewahr werden. Tatsächlich ist es so, dass unser Ego fortwährend verschwindet und wiederkommt. Und dieses flüchtige Ding - ja ist es überhaupt ein Ding - können wir das Ich anfassen? Genau, das Ich, das Ego ist kein Ding. Es ist ein Prozess. Der ständig kommt und wieder vergeht. Augenblick für Augenblick. Und damit sind wir dann beim Grundgedanken, des Seins. Und warum der Buddhismus also eine dauerhafte Seele verneint. Zumindest eine Seele, die unser Ich, unser Ego widerspiegelt. Denn unser Ich, ist nur ein flüchtiges Schauspiel. Ja, ein Schauspiel. Aber ein verdammt packendes Schauspiel, in dem wir vollkommen gefangen sind. In der Meditation kann man dahinter schauen. Das Schauspiel erkennen und auch erkennen, dass hinter dem Ich, dem Ego noch etwas ist. Etwas, was unendlich ist. Etwas, dass ewig Bestand hat. Unser wahres Ich, gewissermassen. Was Eins ist mit allem.
Aber da sind wir schon bei dem Dilemma, dass dies so schwer in Worte fassbar ist. Im Buddhismus heisst es dazu, dass tausend Worte von tausend Buddhas es nicht erklären können. Aber nehmen wir dazu einfach das Gleichnis von Platon. Sie erinnern sich? Wir sitzen in einer Höhle aus der wir nicht hinaussehen können. Hinter uns ist eine Öffnung, durch die das Licht hereinfällt. Was draussen passiert, das wahre Sein, können wir nur an Hand der Schatten an der Wand sehen. Wenn wir nun philosophieren, dann tun wir dies immer nur über diese Schatten. Daher können wir uns des wahren Seins niemals gewiss sein. Was wenn nun unser Ich, so wie wir es alltäglich empfinden, auch nur ein Schatten des wahren Ichs ist. Und nur wenn es uns gelingt, unsere Höhle zu sprengen, dann können wir das wahre Ich erkennen. Und von unserem wahren Ich erleuchten lassen?
In der Tat, ist das Ich wie eine Wolke, die die Sonne versperrt. Wenn wir unser Ich, die Wolke auflösen, dann können wir unser wahres Ich, die Sonne erkennen und werden erleuchtet.
Was für ein schönes Bild. Im Buddhismus nennt man dies auch den kleinen Tod. Das ist der Moment, in dem sich das normale Ich auflöst, gewissermassen stirbt und Raum macht, für unser wahres Ich. Was wie die Sonne immer schon da ist. Nur sind wir ihm nicht gewahr. Und dieses, unsere wahres Ich, dass ist es was, überlebt. Wenn man von überleben sprechen kann. Denn dieses, unser wahres Ich, wurde niemals geboren, wird niemals sterben. Es ist immer da. Unsere Körper kommen und gehen, unser normales Ich, kommt und geht, aber unser wahres Ich, ist immer schon da. Ist eins mit dem Göttlichen. Kennt keine Zeit, keinen Raum. Kennt aber auch alle unseren persönlichen Bedürfnisse nicht und kennt dennoch alle. Ist gleichzeitig Sein und Nicht-Sein.
Und dann stellt sich die Frage, nach dem Leben nach dem Tode doch gar nicht mehr. Unser wahres Ich wurde niemals geboren und wir niemals sterben. In einer Rückführung sind wir in der Lage Informationen über frühere Leben abzurufen. Diese mögen von unserem wahren Ich kommen. Aber sie werden gefiltert und aufbereitet von unserm jetzigem Ich und Unterbewusstsein - wobei ich hier das Unterbewusstsein einfach als ein Teil unseres normalen Ichs bezeichne. Deshalb können wir auch mittlerweile durch eine sehr tiefe Hypnose sogar das Leben zwischen den Leben analysieren. Aber auch diese Informationen werden uns nur gefiltert und assoziiert dargeboten.
Ich denke, also bin ich ein Gedanke.