Als ich vor ein paar Jahren in einem ZEN-Retreat schweigend über mehrere Tage auf einem doch recht harten Sitzkissen sass, die Schmerzen ertragend und das Nichtdenken übend, stellten sich bei mir grosse Schuldgefühle ein. Schuldgefühle, warum ich soviel Zeit diesem ZEN widme. Warum ich nicht dieselbe Zeit für meine Religion aufbringe. Ich war noch nie für mehrere Tage in einem Kloster gesessen, habe nie an Exerzisien teilgenommen, habe nie stundenlang immer wieder die gleichen Gebete gesprochen und mich nie der christlichen Meditation ergeben.
Diese Schuldgefühle wurden immer grösser je länger ich meditierte. Ich erkannte, wie sehr mich meine christliche Erziehung geprägt hatte. Ich, der doch schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten war. Der diese ganze christliche Rumtuerei doch schon lange hinter sich gelassen hatte. Der meditierte. Die Erleuchtung suchte. Ja, ich bin christlich geprägt. Meine Erziehung in der Kindheit hat tiefe Glaubenssysteme in mir verankert.
Nun denn - so war die Lehre dieses Retreat für mich, mir dieser Prägung bewusst zu werden. Ein Narr wäre dann derjenige, der glaubt, dass es damit ein Ende hätte. Einmal bewusst werden und schon ist alles aufgelöst? Nein, ich muss mich selber immer wieder hinterfragen. Was kommt woher? Welche Erfahrungen die ich mache, sind durch welche Glaubenssysteme hervorgerufen, die vielleicht noch ganz tief in mir stecken. Versteckt und verborgen ihr Dasein haben. Die mich zu dem machen was ich bin und gleichzeitig mich daran hindern, mein wahres Ich zu erkennen.
So kam mir letztlich beim Lesen eines Buches über Kriya-Yoga eine schon längst wieder vergessene Erkenntnis. Gott sind wir. Gott ist ein jeder von uns. Gott ist alles. Schön, dass haben wir ja alle schon einmal gehört. Aber irgendwie kommt das doch nicht bei einem an. Gott ist der Baum den ich sehe. Ja klar doch. Gott ist das Auto was da so stinkt. Hmm, muss das sein? Und Gott ist dann auch noch mein Nachbar (aber nicht der, mit dem ich Streit habe). Und dann bin ich dann ja auch noch Gott. Ja, das gefällt mir: Ich bin Gott! ICH bin Gott! I C H!!!
Das ist dann doch irgendwie komisch. Alles ist Gott. Warum ist das so schwer zu begreifen? Da fiel mir die Schöpfungsgeschichte ein. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Genesis 1. Wir kennen dies alle. Haben es als Kinder gehört. In der Schule gelernt. Dann lernten wir Darwin und die Evolutionstheorie, klärten unser Wissen auf und dachten, damit sei das Thema erledigt.
Ich denke aber, dass genau dieser Anfang tief in uns drin ein Glaubenssystem verankert hat, was nur schwer zu überwinden ist. Gott schuf Himmel und Erde. Wie hat er das gemacht? Nun ja, der gute alte Mann hat halt mal einfach so ein paar Energieblitze losgelassen und damit war es getan.
Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Da haben wir es. Der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Also ist Gott nicht teil des Wassers. Er ist nicht das Wasser. Er schwebte darüber.
Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Ach so - der alte Mann hat sich dann - von oben natürlich - so alles einmal angeschaut und begutachtet.
Was passiert denn da mit einem Kind, wenn es diese Geschichte hört? Was für ein Glaubenssystem wird da verankert? Eines der Dualität. Gott erschuf. Gott sah an. Sein Geist schwebt umher. Damit ist Gott getrennt. Und dann kommt da einer her und sagt, Gott ist alles. Gott ist der Baum. Gott ist dein Nachbar. Gott bist du. Ein schöner Gedanke, aber er erreicht uns nicht. Wird abgeblockt von dem Glaubenssystem, welches schon zu Kindeszeit in uns verankert wurde.
Da sagte der Pfarrer zu der Klasse: „Kinder, heute wollen wir uns mal das erste Kapitel der Bibel anschauen. Gott schuf Himmel und Erde. So fängt das an. Aber wie hat er das gemacht? Wie können wir uns das vorstellen? Schaut her, hier habe ich einen Keks.“ Und der Pfarrer zeigte allen Kindern im Raum einen leckeren Schokoladenkeks. „Jetzt nehmen wir mal an, dass es den Keks noch gar nicht gibt. Und das Gott diesen Keks erst einmal erschaffen müsste. Natürlich wissen wir alle, dass dieser Keks in einem Ofen gebacken wurde, aus Teig und dann mit Schokolade überzogen wurde. Aber nehmen wir doch einfach mal an, dass Gott so einen Keks erschaffen würde. Wie würde er dies machen?“. Und er schaute fragend in der Klasse herum. Eva meldete sich: „Gott wird halt auch einen Ofen haben und darin den Keks backen.“. „Das ist eine schöne Idee, Eva. Aber Gott kann so etwas viel einfacher machen. Er wandelt um. Und wenn wir mal annehmen das noch nichts da ist, das wir uns ganz am Anfang befinden würden „ so wie es da heisst - Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ so hat er doch etwas zum Umwandeln. Sich selber! Gott nimmt einfach seinen kleinen Finger und macht daraus einen Keks.“
Und der Pfarrer legte den Keks so geschickt auf seinen kleinen Finger, dass es wirklich so aussah, als ob der Finger sich nun in einen Keks verwandelt hätte. „Nun, wir brauchen uns jetzt keine Sorgen um den kleinen Finger vom lieben Gott zu machen. Er ist ja Gott. Er kann sich ja jederzeit einen neuen Finger wachsen lassen. Aber wenn ich dir jetzt, meine liebe Eva, diesen Keks gebe und du diesen Keks isst, was isst du dann“. Eva sah ihn mit grossen Augen an.
„Dann esse ich ja Gott!“, rief sie aus. „Genau“, sagte der Pfarrer. „Genau so ist es. Diesen Keks, den du da isst, ist Gott. Der kleine Finger Gottes. Oder seine ganze Hand. Oder auch nur eine kleine Zelle von ihm. Und genauso hat Gott am Anfang Himmel und Erde erschaffen. Er hat einfach ein Teil von sich umgewandelt in Himmel und Erde.“ Da rief der kleine Peter: „Dann lauf ich also auf Gott herum, wenn ich auf der Erde rumlaufe?“. „Ja!“, sagte der Pfarrer. „Und stellt euch mal vor, genauso hat Gott alles erschaffen. Sogar die Luft die ihr atmet. Atmet jetzt alle mal ganz tief ein. Und stellt euch dabei vor, dass ihr jetzt einen Teil Gottes in euch einatmet. Ist das nicht ein wunderschönes Gefühl?“.
Ja, ist das nicht ein wunderschönes Gefühl? Diese Vorstellung, so kindlich wie sie erscheint, kann tatsächlich dieses alte Glaubenssystem, dass Gott oder das Göttliche etwas von uns getrenntes ist, durchbrechen. Denn dieses Glaubenssystem wurde eben auch in unserer Kindheit gefestigt. Ich kann jedem Leser dieser Zeilen nur empfehlen, sich dies wirklich selber einmal vorzustellen. Schliesse deine Augen. Stellen dir Gott vor. Wie er als Energieform eine menschliche Gestalt annimmt. Wie er durch Wandlung dieses, seines Energiekörpers die Dinge erschaffen hat. Und dann öffne deine Augen. Egal auf was dein Blick dann fällt, verinnerliche, dass das was du anschaust, Gott selber ist. Ein Teil von ihm. Entstanden aus seiner Ursprungsenergie.
Ich für meinen Teil finde diese Vorstellung berauschend. Und egal was ich mit diesen Aufmerksamkeit betrachte, es enthält eine grosse Bindung, eine Bindung der Liebe des Seins. Ich übe mich tägich in dieser Vorstellung. Von einfachen Dingen zu so komplexen Strukturen wie andere Menschen. Ich betrachte meine eigenen Hände. Auch diese wurde durch diese Gottenergie gewandelt und zu Händen, die ich jetzt wahrnehme. Ich atme Gottes Luft ein. Ich werde gewahr, dass auch mein Körper Gott ist. Dass meine Gedanken Gott sind. Ich lasse los und wandere durch das torlose Tor des Seins.
Marcus, im Oktober 2007